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Hinter den Spiegeln

Hier finden Sie nichts übers Programm selbst, sondern nur über seine Geschichte und den Autor. Die einzige Existenzberechtigung für diese Seite sehe ich darin, dass das Programm sich hauptsächlich an Psychotherapeuten wendet, denen diese Aspekte vielleicht wichtig sein könnten. Sie sollen wissen, auf wen oder was Sie sich hier einlassen.

Als mir 1995 ein Flyer von Doc Martin ins Haus flatterte, der für Psycom warb, das damals 1500 DM und 150 DM pro Monat kostete, war ich über von den Preisen etwas schockiert und dachte, das bisschen, was für uns nötig ist, programmiere ich doch an einem Nachmittag. Ich hatte noch keine Ahnung von der Bürokratie und der KV.

Spaßeshalber ließ ich mir die Unterlagen kommen (für 200 Mark). Es kamen ein paar prall gefüllte Leitz-Ordner, deren Studium schon einige Wochen dauern würde. Im Nachhinein wundere ich mich, dass ich an dieser Stelle nicht aufhörte.

Eineinhalb Jahre später, im Oktober 1996, rechnete der erste Kunde mit Psyprax ab. Meine eigene Abrechnung hatte ich schon per Hand gemacht, weil die Abgabefrist abgelaufen war. Aber er bestand damals darauf, also machten wir die Abrechnung gemeinsam.

Ein Quartal später waren es achtzehn Kunden. Ich hatte mir einen kleinen Pager gekauft und radelte in München von einem zum nächsten, je nachdem, wer mich anpiepste.

Ich habe mich natürlich oft gefragt, wie ich nur auf diesen Wahnsinn verfallen konnte. Der Wunsch nach Autarkie hat mein Leben sehr stark bestimmt. Passend dazu war es mir immer angenehm und steigerte mein Sicherheitsgefühl, wenn andere von mir abhängig waren. Das hat wohl fünfzehn Jahre vorher auch schon eine Rolle gespielt, als ich beschloss, Psychoanalytiker zu werden. Wie erfolgreich ich damit war, wurde mir erst vor einem Jahr klar, als mir zugetragen wurde, dass ein Kunde zum anderen sagte, es gebe in München nur einen Kollegen, dem nichts passieren dürfe ...

Jetzt geht es mir wie dem Zauberlehrling: Wie werde ich die vielen Besen, die da so rennen, wieder los? Oder auch gemäß dem alten Sprichwort: Wen die Götter strafen wollen, dessen Wünsche lassen sie in Erfüllung gehen. Längst ist mir etwas tiefer klar, dass ich auf diese Weise meinen tiefen Wunsch nach wirklicher Sicherheit (als Sohn zweier im Krieg schwer traumatisierter Eltern) nicht erfüllen kann. Doch jetzt reite ich auf dem Tiger, und der einzige sichere Ort ist auf seinem Rücken. Jahrelang war das so stressig, dass mich wohl nur meine Tätigkeit als Therapeut, die mich immer wieder zur Ruhe, zur Mitte und zur Reflexion zwang, vor ernsten gesundheitlichen Schäden bewahrte.

Das Gute ist, dass ich gerade durch den Erfolg des Projekts lernen musste, nicht mehr alles alleine zu machen, sondern exzessiv zu delegieren. Seit Oktober 2002 sogar das Programmieren, obwohl mir das am meisten Spaß gemacht hat.

Eine spannende Frage für mich ist, ob Psyprax nicht deswegen so erfolgreich ist, weil ich es nie unter kaufmännischen Gesichtspunkten betrieben habe. Wir haben kaum je Werbung gemacht (ich glaube nicht an die Effektivität von Werbung), obwohl mir immer wieder kluge Leute erzählten, ein Betrieb müsse mindestens ein Drittel seines Umsatzes in diesen Bereich investieren.

Derzeit ist es für mich selbst mein Hauptziel, aus der Identifikation mit dieser großen Ego-Blase herauszukommen. Die Körpertherapeuten kennen den phallischen Charakterprozess als den, bei dem sich der Betreffende mit etwas identifiziert, was größer ist als er, das er als seine Lebensaufgabe sieht, und in das er sich selbst grenzenlos investiert. Das kann dann schlaflos, urlaubslos, pausenlos gehen, immer schneller, bis zum Zusammenbruch. Fast jeder, der eine Firma aufbaut, wird sich eine Weile hier finden. Wie viele Abende und Nächte habe ich meine Frau, die ich so liebe und mit der ich so gern zusammen bin, allein gelassen! Ich weiß, dass das ein Holzweg ist, dass es nicht funktioniert, auch wenn es sich noch so überzeugend anfühlt. Dass unser wirkliches Ziel im Leben ist, sich von allem zu de-identifizieren – von wirklich allem.  Auch vom eigenen Ego, von allem, was daran hängt und an was es sich hängt.

Es ist ja noch nicht mal so, dass mich Psyprax mit Stolz erfüllt. Das fände ich eher lächerlich. Was kann ich schon dafür, dass ich in einem bestimmten Moment diese Idee hatte, und was kann ich schon dafür, dass ich so stur war das durchzuziehen und das Glück hatte dass es auch noch geklappt hat.

Was es mir täglich schwer macht ist, wenn so viel scheinbar wichtiges danach schreit, erledigt zu werden, wenn schon so viel Lebenszeit und -energie investiert wurde. Es ist eine spannende Aufgabe, weil es eben nicht so geht, dass man sich äußerlich von allem zurückzieht. Dafür habe ich zu viel Verantwortung übernommen. Ich werde vorläufig nicht ins Kloster gehen oder in eine kleine Höhle im Himalaja. Sondern täglich ins Büro und in meine Praxis und dort üben, viel zu tun und doch alles zu lassen.